ULTRAMARATHON
Fachzeitschrift und offizielles Organ der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.
Ausgabe 3/2016
Norbert Madry

Die 100-km-DM in Leipzig bot ganz großen Sport
Dieses Mal war aber wirklich alles dabei: großartige Leistungen und großer Jubel, herbe Enttäuschungen und bittere Tränen, etliche Newcomer und ein sehr erfolgreicher Wiedereinsteiger, ein eifriges Kampfrichtergeschwader und eine sehr aktive Delegation der NADA, wechselhaftes Wetter, improvisierte Siegerehrungen, nimmermüde Moderatoren und interessante Rahmenläufe.
Mit Leipzig als Austragungsort der 29. Deutschen Meisterschaft im 100-Kilometer-Straßenlauf waren im Vorfeld nicht alle uneingeschränkt zufrieden: der traditionelle Termin in der 2. Augusthälfte kommt ja oft mit Hitze daher, der 10-Kilometer-Kurs um den Auensee mit seinen vier Brückenquerun-gen und einer „leicht trailigen" Waldpassage und wechselnden Untergründen (auch Asphalt ist dabei) ist sehr abwechslungsreich, aber halt keine brettebene Asphaltpiste. Die Zeiten der Medaillengewinner widerlegen jedoch, dass Wetter oder Streckeneigenschaften einen spürbar negativen Einfluss auf die Leistungen hatten. Aber von vorn: der Start erfolgte pünktlich um 6 Uhr, in diesem Jahr auf der Zufahrtsstraße zur Kleingartenanlage und nicht wie sonst im
Stadion. Der nächtliche Regen hatte praktisch zum Start aufgehört, aber ein wolkenverhangener Himmel sorgte dafür, dass es beim Start noch nicht ganz taghell war. Dass es in der Startgasse ein wenig eng zuging, wurde eher von der Jury als den aktiven Teilnehmern bemängelt. Der PKW-Verkehr auf diesem Teil der Strecke war teilweise schon störend. Zur Startzeit jedoch gab es keinerlei Komplikationen, und das Feld der 150 DM-Starter, weiteren 30 im offenen Lauf sowie gut 80 Läufern auf der 50-km-Strecke ging mit der ultra-üblichen Gelassenheit auf die lange Reise.
Im Laufe des Vormittags zogen sich die Wolken auseinander, und es wurde doch ziemlich schnell warm. Meine Inspektions-runde habe ich schweissgebadet, obwohl nur locker neben dem radeln-den DLV-Wett-
kampfleiter Herwig Renkwitz joggend, kurz vor 10 Uhr beendet. Aber die Strecke hatte ich für gut laufbar (halt mit den bekannten Auensee-Besonderheilen) vorgefunden:
An einer Stelle Glassplitter weggeschoben, eine Ermahnung wegen Verpflegung ausserhalb der Zone
ausgesprochen, aber ansonsten gut bestückte und reichlich vorhandene Verpflegungspunkte, gewissenhafte
Kampfrichter und natürlich jede Menge Ultraläufer gesehen und mich prima mit Herwig unterhalten — alles gut!
Und die Hitze hielt sich in Grenzen, gegen Ende bekamen wir alle noch etwas Regen ab. Die Siegerehrung der Bayrischen Meisterschaften musste sogar im Zelt durchgeführt werden, aber Sachsen- LV-Landesverbandschef Jens Taube konnte die Besten seines Verbandes wieder im Freien ehren, genau wie die Sieger und AK-Sieger bei den Deutschen Meisterschaften.
Nach gut vier Stunden im Rennen hatte sich bereits einne ganze Menge getan: im 50-km-Lauf
war Frank Merrbach als Sieger (in 3:10:31 Stunden) bereits geduscht; mit dem Zweitplatzierten Benjamin Köhler (3:20:25 Stunden in seinem ersten Ultra) sprach ich nach dem Lauf. Abstand zwischen Routinier und Debütant wächst
Im 100-Kilometer-Rennen war Andr Collet nach sechs gelaufenen Runden schon mit einem komfortablen Vorsprung unterwegs, denn 100-Kilometer-Debütant Niels Bubel hatte nach konstantem Beginn seine 6. Runde merklich langsamer absolviert. Niels musste dann ab Kilometer 70 einsehen, dass es überhaupt nicht sein Tag war und fiel noch drastisch zurück bis auf Platz 19, erkämpfte sich aber mit 8:48:23 Stunden eine persönliche Bestzeit (PB), die er im nächsten Anlauf wohl deutlich verbessern kann. Dahinter liefen im lockeren Dreierverbund Michael Sommer, Titelverteidiger Carsten Stegner und Sebastiaan Franke, für den aber nach 60 Kilometern Schluss war.
Spannende Rennsituation
Der Stand bei den Männern bei Kilometer 70: Andre 17 Minuten vor Niels, 90 Sekunden dahinter Carsten, 18 Sekunden dahinter Michael und 83 bzw. 92 Sekunden dahinter 100-km-Debütant Alexander Dautel und Thomas Klingenberger — eine satte Führung für Andr mit Kurs auf eine Zeit unter sieben Stunden, und eine sehr spannende Rennsituation um die beiden restlichen Podiumsplätze.
Auch Carsten musste nach 70 Kilometern leider passen, weil bei ihm eine Muskel-/Fasziengeschichte wieder aufgebrochen war. Da es bei Niels nun deutlich sichtbar langsamer „ging", war Alexander bei Kilometer 80 bereits auf den Bronzerang vorgelaufen. Nach zwei kontrolliert langsameren Runden steigerte sich Andre auf den letzten zehn Kilometern nochmals und kam als überlegener Sieger in 6:55:27 Stunden ins Ziel - sein 2. DM-Titel nach Kienbaum 2013, eine gute Minute schneller als dort und ein durch und durch eindrucksvolles Comeback nach längerer Verletzungspause. Andrs Zeit ist nicht nur deutsche Jahresbestzeit 2016, sondern die schnellste Siegerzeit einer DM seit 2003. Entsprechend strahlte er den restlichen Tag, ein wenig auch in Vorfreude auf seinen Einsatz bei der 100-Kilometer-WM Ende November in Spanien.
Um Silber und Bronze blieb es ein enges Rennen zwischen Michael Sommer (7:15:54 Stunden)
und Alexander Dautel (7:16:58 Stunden). Die beiden rannten die schnellsten Schlussrunden
aller Teilnehmer, Alexander sogar zwölf Sekunden schneller als der auch an diesem Tag wieder konstanteste Läufer Michael. Michaels Rundenzeiten variierten zwischen 42:24 Minuten (10. Runde) und 44:39 Minuten (9. Runde), Alex brauchte zwischen 42:32 Minuten (10. Runde) und 45:11 Minuten (9. Runde). Auch
Andr blieb deutlich unter 10 % Streuung in seinen Rundenzeiten - damit haben die drei Medaillengewinner eine vorbildliche Renneinteilung bewiesen. Thomas Klingenberger war auch schön konstant
unterwegs - bis km 94, dann musste er krampfgeschüttelt eine Minute prö Kilometer draufpacken, aber schaffte das Finish in 7:29:18 Stunden als Viertplatzierter der DM.
Auf den letzten paar hundert Metern wurde er noch von der an diesem Tage alles überragenden
Nele Alder-Baerens überholt. Ähnlich wie bei der 6-Stunden-DM in Nürnberg im April platzierte sie sich ganz vorn in der Gesamtwertung und holte in ihrem ersten 100- Kilometer-Lauf den Meistertitel bei den Frauen in 7:29:04 Stunden. Das ist Jahresweltbestzeit und auch ein neuer Weltrekord in der Gehörlosen-Kategorie, in der Nele amtierende Marathon-Weltmeisterin ist. Seit 2001 wurde keine schnellere Zeit mehr bei einer DM gelaufen - besser kann ein Debüt nicht ausfallen!
Eine weitere Debütantin - und ein vollkommen unbeschriebenes Blatt in der deutschen Ultralaufszene - war bis km 30 in Schlagdistanz zu Nele geblieben. Susanne Kraus, die diese DM ganz unorthodox zur Vorbereitung auf den „24h Tough Mudder" World Cup in Las Vegas nutzen wollte, lief bis Kilometer 40 ungefähr 44er-Runden und kam mit einer Zwischenzeit von 3:45 Stunden bei Kilometer 50 durch.
Harmonisches Tempo in der Gruppe: Simone Stöppler (145),
Auf der zweiten Hälfte musste sie dann erheblich kämpfen, tat das aber auch wirklich und kam (mit Runde 7 als langsamster in 56:52 Minuten) nach 8:19:44 Stunden ins Ziel. Sie wurde erst in der Endphase von Branka Hajek überholt, die ein sehr gleichmässiges Rennen in 8:15:13 Stunden auf dem Silberplatz beendete. Zwischen die beiden schob sich in der offenen Laufwertung auf den letzten Kilometern noch die Tschechin Tereza Zuzankova mit 8:18:36 Stunden. Die ebenfalls schön konstant laufende Natascha Bischoff wurde DM-Vierte in 8:25:33 Stunden und erfüllte mit dieser neuen PB auch die Qualifikations-Norm für die 100-km-WM. Und Evelyn Franke schaffte als nächste 100-km-Debütantin Platz 5 und in 8:43:57 Stunden die sogenannte P-Norm des DLV. Erfreulich fand ich, dass es weitere Debütantinnen mit respektablen Finish-Leistungen gab: die beiden jüngsten Teilnehmerinnen waren Kirsten Althoff und Katharina Bey, die in 10:07:47 Stunden bzw. 10:48:27Stunden ins Ziel kamen.
Ältester Finisher war Norbert Hoffmann, der sich in glatten 10:57:00 Stunden unangefochten den M75-Titel sicherte. Weitere AK-Sieger: Wolfgang Strosny in der M65, Rainer Leyendecker in der M60, Bernhard Munz (M55), Michael Sommer (M50), Andr Collet (M45), Christian Jakob (M40) und Thomas Klingenberger (M35). Alexander Dautel holte sich den Sieg in der Hauptklasse der Männer, wenngleich ohne Urkunde, wie auch sein weibliches Pendant Evelyn Franke, da der DLV bisher noch keine separate Ehrung der Hauptklassen vorsieht, wie wir es seit einigen Jahren bei den DUV-DMs handhaben. Aber vielleicht ändert sich da bald etwas. Die weiteren weiblichen AKs gewannen Nele (W35), Antje Krause (W40), Natascha Bischoff (W45), Ricarda Bethke (W50) und DUV-Pressewartin Brigitte Rodenbeck-Hellert (W60).
Das Siegerpodium bei den Männerteams

Wenn auch die Leistungsbilanz mit je 5 Leistungen besser als P-Norm und lange nicht mehr gesehenen Siegerzeiten in der Spitze sehr gut aussieht, gab es andererseits eine relativ hohe Aussteigerrate: 24 von 109 Männern sowie 9 von 28 Frauen beendeten das Rennen vorzeitig. Darunter auch die als Mitfavoritinnen gehandelten Rebecca Walter und Patricia Rolle, die natürlich tief enttäuscht waren. Damit platzte das Team der LG Nord Berlin. Das zweite mögliche Frauenteam der Meldeliste, die LG DUV, konnte somit in der Besetzung Kirsten Althoff, Katharina Bey und Evi Piehlmeier in der Gesamtzeit von 32:47:29 Stunden den Meistertitel unangefochten gewinnen.
Bei den Männern kamen gleich zwölf Teams in die Wertung. Hier siegte die LG Nord Berlin (Alexander Dautel, Dirk Kiwus, Benjamin Brade) in 23:45:08 Stunden vor der LG DUV (Thomas Klingenberger, Yves König, Stefan Daum) in 24:33:31 Stunden und EK Schwaikheim (Michael Sommer, Andreas Maisch und Uli Lorenzen) in 25:27:47 Stunden.
Am Ende konnten sechs M50+ Teams gelistet werden: Seniorenmannschaftsmeister wurde der SV Schwindegg (Rainer Leyendecker, Stephen Schöndorf, Günther Weitzer) überlegen in 29:04:59 Stunden, Silbermedaillen gab es für die LG DUV (Peter Hübner, Walter Hösch, Roland Krauss) in 30:17:20 Stunden, knapp vor LC Blueliner (Andr6 Schneider, Ernst Riemann, Michael Richter) in 30:19:53 Stunden.
Das Fazit
Insgesamt haben wir eine in sportlicher Hinsicht qualitativ hochwertige Meisterschaft gesehen. Auch quantitativ wurde mit mehr als 100 Finishern das höchste Ergebnis seit 2008 erreicht — ein erfreulicher Aufwärtstrend, der sich hoffentlich im nächsten Juni bei der 30. DM über 100 Kilometer in Berlin fortsetzen wird.
Abschließend ein großes Dankeschön an die Sportsfreunde des lokalen Ausrichters LC Auensee Leipzig für diese gut über die Bühne gegangene Veranstaltung. Das Team um Andreas Huth (bzw. in den Monaten davor Andre Dreilich) hat quasi rund um die Uhr von Freitagnachmittag bis zum späten Samstagabend den Ultraläufern aus ganz Deutschland (und darüber hinaus) den Rahmen für eine gute Meisterschaft und großen Sport geboten. Dass auch die NADA, die nationale Anti-Doping-Agentur, bei mindestens acht Teilnehmern (Medaillengewinner M/F und weitere Ausgeloste) Urin- und Blutproben für Dopingtests gezogen hat, finde ich doppelt gut: neben dem Kampf für sauberen Sport zeigt es vielleicht auch, dass Ultralaufen nicht nur unter uns Ultraläufern, sondern immerhin auch bei der NADA als Leistungssport wahrgenommen wird.

 

 

Sieger der Männerteams
Norbert Hoffmann Wolfgang Strosny und Bernd Friedrich
Der Sieger über 100km Andre Collet

Bilder und Text: duv ULTRAMARATHON, Ausgabe 3/16, Norbert Madry

Die International Association of Ultrarunners (IAU) verlieh dem Laufclub Auensee Leipzig für die Ausrichtung der Deutschen Meisterschaften 2016 im 100 km-Lauf nachträglich das Bronze Label Nr. 703
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